Ein r*higer Dienst

Ich sitze hier im Nachtdienst auf meiner Station und denke darüber nach, wie ich am besten meinen ersten richtigen Beitrag gestalten soll. Meine Schwester meinte, ich solle mich beeilen, damit sie und ihr Freund morgen etwas zu lesen haben. Daher dachte ich mir, ich nutze die Zeit, die mir meine schl*fenden PatientInnen bescheren (was nebenbei bemerkt eine Ausnahme ist). Ich versuche, das Ganze nicht zu verschreien, denn jede Pflegekraft kennt das ungeschriebene Gesetz: Wenn es ruhig auf der Station ist, spricht man es nicht an. Und ich kann sagen, dass ich diesen absolut dummen Fehler auch schon gemacht habe und die Konsequenzen nicht erfreulich waren.

Das erste Mal habe ich den Fehler in meinen ersten 3 Monaten in meiner Einarbeitung gemacht. Fängt man frisch nach der Ausbildung (zumindest hier in unserem Haus und auf Verhandlungsbasis) auf einer Intensivstation an, hat man für 3 Monate einen Mentor (in meinem Fall waren es um die 10) und wird an seine Aufgaben in jeder Schicht herangeführt, um danach seine 2 PatientInnen betreuen zu können. Mein Mentor für diesen Nachtdienst fragte mich, welche PatientInnen ich gerne betreuen würde, und ich war so blöd, um zu sagen: „Eigentlich ist es doch so egal, alles, was hier liegt, ist langweilig, kenne ich schon.“ Ja… Ach Fräncis…. Trotz meiner gewandten Abänderung des Wortes r*hig auf l*angweilig sollte dieser Nachtdienst alles andere als r*hig und l*angeilig werden. Meine Patientin ist völlig durchgedreht. Delir. Stellt euch einen Besoffenen und Aggressiven vor, der wild um sich schlägt, beleidigt, aus dem Bett steigen will, schreit und im besten Fall seinen Stuhlgang nicht…. Ach, ich will es euch gar nicht näher erläutern, sonst liest das hier niemand mehr. Und nebenbei muss man sich denken, dass die Patientin nicht ohne Grund auf der Intensivstation liegt, sondern eine schwere Erkrankung hat, die therapiert werden muss. Und dann geht eben nur noch: daneben sitzen, Beine wieder ins Bett schwingen, PatientIn beruhigen, PatientIn sauber machen, Werte kontrollieren, realisieren, dass es nicht besser wird, weiter therapieren und hoffen, dass die Sonne aufgeht und sich die nächtlichen Dämonen so vertreiben lassen.

Gerade in diesem Moment bereue ich es zutiefst, über dieses Thema geschrieben zu haben. Was glaubt ihr, ist passiert? Meine Patientin vom heutigen Dienst ist natürlich durchgedreht, hat mich als „blöde Kuh“ beschimpft, geschrien, ich solle endlich das Zimmer verlassen und bei jeder Gelegenheit versucht mir mit der Faust eine mitzugeben. Dabei haben wir gestern erst noch glücklich über ihre Fußballleidenschaft gequatscht.

Als der Frühdienst dann um 6:30 in das Zimmer zur Übergabe erschien, sah sie uns beide verwirrt an und sagte traurig: „Warum sind meine Hände festgemacht? Ich hatte einen furchtbaren Traum.“ Ach ja Gerlinde, ich hatte auch einen furchtbaren Traum. Kurz zur Erklärung: Wenn PatientenInnen ein eigen- oder fremdgefährdendes Verhalten aufweisen (in Gerlindes Fall das Schlagen und die Versuche aufzustehen, was bei einem Intensivpatienten höchst gefährlich ist mit 100 Zugängen an jeder Extremität), dürfen wir die PatientInnen an den Händen oder gegebenenfalls auch an Füßen und Becken fixieren, zu ihrem und unserem Schutz. Ich hasse es, wenn es zu diesen Maßnahmen kommen muss. Sich nicht frei bewegen zu können und gegen seinen „freien Willen“ festgemacht zu werden, muss schon eine der schlimmsten Dinge sein, die ich mir vorstellen kann. Daher bin ich auch eine der Pflegepersonen, die sich ein paar Mal überlegt, ob sie das wirklich macht oder einfach im Zimmer bleibt und aufpasst, aber bei Gerlinde hätte das leider nicht ausgereicht. Und jedes Mal bin ich wieder froh darum, wenn PatientInnen nur denken es war ein schlimmer Traum oder sie können sich einfach nicht an die letze Nacht erinnern, als sich dem bewusst zu sein was tatsächlich passiert ist.

Ganz anders zu diesem sogenannten „Hyperaktiven Delir“ gibt es auch das „Hypoaktive Delir“ (Hyper – über, zu viel, übermäßig; Hypo – unter, zu wenig, unterdurchschnittlich; versteht sich von selbst). Das sind dann die PatientInnen, die wie ein Fisch an die Decke schauen und in Zeitlupe sprechen – wenn sie denn überhaupt sprechen. Natürlich gibt es auch Mischformen, die zwischen den beiden Formen wechseln.

Vielleicht werde ich dieses Thema irgendwann noch einmal genauer behandeln, aber ich wollte nur einen kleinen Einblick in die turbulenten Nächte auf der Intensivstation geben, da gerade heute eine von diesen war. Ich möchte natürlich auch nicht die PatientInnen damit in ein schlechtes Licht stellen oder sagen „wie furchtbar die doch alle sind“. Nein, die können am wenigsten für die ganze Situation und wir in der Pflege müssen einfach darauf achten, dass die PatientInnen sich selbst und andere in dieser kritischen Situation nicht in lebensgefährliche Umstände bringen.

Jetzt ist wieder ein Tag herum, und in 5 Minuten muss ich auch schon wieder in den nächsten Nachtdienst. Es bleibt jeden Tag spannend, was im nächsten Dienst kommt, aber genau deshalb liebe ich meinen Beruf und den Weg, den ich aktuell gehe. Jeden Tag eine Abwechslung, neue Menschen, neue herausfordernde Situationen. I love it.

Und das nächste Mal, wenn ihr eine Pflegekraft trefft, die jetzt einen Dienst vor sich hat, wünscht ihr einen „ruhigen Dienst“, keinen schönen oder guten Dienst, sondern einen ruhigen. Das ist nämlich ein anderes ungeschriebenes Gesetz. So begegnen sich alle Pflegekräfte im Krankenhaus und verabschieden sich auf diese Weise, wenn sie ihre Patienten an den nächsten Dienst übergeben. Und damit wünsche ich meinen LeserInnen, die auf komische Weise schon 30 sind, einen ruhigen Start in die neue Woche.

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Fräncis, 24, geboren und aufgewachsen in München. Naja vorerst braucht man eigentlich keine intimeren Infos, oder eventuell sind sie noch im Anflug.

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